Retrofit im Maschinenbau neu gedacht
Wie IAG mehr aus bestehenden Anlagen herausholt
„Müssen wir wirklich neu investieren – oder geht da noch mehr mit dem, was wir haben?“
Diese Frage stellen sich aktuell viele Unternehmen.
Denn steigende Investitionskosten, lange Lieferzeiten und wachsende Anforderungen an Effizienz und Digitalisierung setzen bestehende Anlagen zunehmend unter Druck. Gleichzeitig zeigt die Praxis: In vielen Maschinen steckt deutlich mehr Potenzial, als auf den ersten Blick sichtbar ist.
Genau hier setzt Retrofit an – nicht als reine Modernisierung, sondern als strategischer Ansatz, um bestehende Anlagen neu zu denken und ihr volles Potenzial auszuschöpfen.
Im Interview erklärt Philipp Schmidt, Head of After Sales bei IAG, worauf es dabei in der Praxis ankommt.
Interviewer: Herr Schmidt, warum ist Retrofit aktuell für viele Unternehmen so ein wichtiges Thema?
Philipp Schmidt: Viele Anlagen sind mechanisch absolut in Ordnung – aber technologisch nicht mehr am Stand der Zeit. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Verfügbarkeit, Effizienz und Digitalisierung. Retrofit ist hier oft der sinnvollste Weg, weil wir aus bestehenden Anlagen deutlich mehr herausholen können – ohne die Investition und Komplexität einer Neuanlage.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Geschwindigkeit: Retrofit-Lösungen lassen sich häufig deutlich schneller und flexibler umsetzen als eine komplette Neuinvestition. Gerade wenn Lieferzeiten für neue Maschinen lang sind, bleiben Unternehmen dadurch handlungsfähig und können gezielt dort modernisieren, wo der größte Nutzen entsteht.
Interviewer: Welche Risiken entstehen, wenn Unternehmen das Thema Retrofit zu lange aufschieben?
Philipp Schmidt: Das wird oft unterschätzt. Ein zentrales Risiko ist die Ersatzteilverfügbarkeit – gerade bei älteren Steuerungen wird es irgendwann schwierig oder teuer. Dazu kommen ungeplante Stillstände und steigender Wartungsaufwand. Und je länger man wartet, desto größer wird meist der Handlungsdruck – was Projekte dann komplexer und weniger planbar macht.
Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, frühzeitig und strukturiert zu modernisieren, statt erst zu reagieren, wenn es kritisch wird.
Interviewer: Was sind typische Herausforderungen, die Ihnen in Retrofit-Projekten immer wieder begegnen?
Philipp Schmidt: Was uns immer wieder auffällt: Retrofit ist nie nur ein technisches Thema.
Neben der Technik spielen auch Prozesse und Know-how eine große Rolle. Durch Fluktuation geht Wissen über Anlagen verloren, und gleichzeitig entstehen über Jahre gewachsene Strukturen, die man im Projekt berücksichtigen muss.
Interviewer: Welche Rolle spielt Schulung in diesem Zusammenhang?
Philipp Schmidt:
Eine sehr große. Ein Retrofit ist nur dann wirklich erfolgreich, wenn die Mitarbeiter die Anlage auch optimal nutzen können. Wir setzen daher bewusst auf Schulungen – und vor allem auf Wiederholungen. Ein einmaliges Training reicht in der Praxis oft nicht aus. Unser Ziel ist, dass das Know-how nachhaltig bei den Betreibern verankert wird.
Interviewer: Wie geht IAG grundsätzlich an ein Retrofit-Projekt heran?
Philipp Schmidt: Wir starten immer mit einer klaren Zieldefinition: Was möchte der Kunde verbessern?
Danach folgt eine strukturierte Bestandsaufnahme. Gerade bei älteren Anlagen ist das essenziell, da die Maschinen über die Jahre teilweise adaptiert wurden. Für uns bedeutet Retrofit aber auch, die Anlage ganzheitlich neu zu denken – technisch, im Ablauf der Produktion und im Zusammenspiel mit den Mitarbeitern.
Auf dieser Basis entwickeln wir eine Lösung, die technisch sinnvoll ist und gleichzeitig gut in die bestehende Produktion passt.
Interviewer: Stillstandszeiten sind oft ein kritischer Faktor. Wie lösen Sie das?
Philipp Schmidt: Das ist für viele Kunden der entscheidende Punkt. Unser Anspruch ist, die Produktion so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Das erreichen wir durch gute Vorbereitung – etwa durch Vorfertigung und Tests – und durch eine Umsetzung in klar definierten Zeitfenstern oder in mehreren Etappen. Besonders wichtig ist dabei die detaillierte Abstimmung mit dem Kunden: Wir klären frühzeitig, welche Arbeiten vorbereitet werden können, welche Schritte vor Ort notwendig sind und wie die Aufgaben ideal aufgeteilt werden. So lässt sich die Umsetzung bestmöglich in den Produktionsplan integrieren.
Ähnliche Prinzipien gelten auch für Maschinenübersiedlungen und Produktionsverlagerungen, bei denen detailliertes Anlagen-Know-how und eine strukturierte Wiederinbetriebnahme entscheidend sind, um Stillstandszeiten zu minimieren und unnötige Fehlersuchen zu vermeiden.
Interviewer: Welche Chancen bietet Retrofit über die reine Modernisierung hinaus?
Philipp Schmidt: Retrofit ist oft der erste Schritt in Richtung Digitalisierung.
Darüber hinaus bietet Retrofit die Möglichkeit, Bestandsmaschinen über ihr langes Maschinenleben hinweg immer wieder an neue Marktanforderungen anzupassen. Produktgrößen verändern sich, Presstechnologien entwickeln sich weiter, und Produktionsanforderungen werden komplexer. Durch gezielte Retrofits können bestehende IAG-Anlagen auf diese neuen Anforderungen ausgerichtet werden – und weiterhin zuverlässig zur Wertschöpfung beitragen.
Interviewer: Ihr persönliches Fazit?
Philipp Schmidt: Viele Anlagen werden heute unter ihren Möglichkeiten betrieben.
Mit einem durchdachten Retrofit holen wir genau dieses Potenzial heraus – und machen sie gleichzeitig fit für die Zukunft. Genau dabei unterstützen wir unsere Kunden bei IAG – von der Analyse bis zur Umsetzung und darüber hinaus.
Retrofit bestehender Anlagen
Bestehende Systeme modernisieren und nachhaltig optimieren.



Interviewpartner: Philipp Schmidt, Head of After Sales bei IAG
Verantwortlich für den Bereich After Sales bei IAG – von Service und Wartung bis hin zu Retrofit-Projekten.